Wer als Auswärtiger von der B9 in Richtung Osthofen abbiegt, mag sich wundern, wer wohl in dieser prunkvollen Jungendstil-Villa wohnen wird. Wer es nicht besser weiß und nicht genauer hinschaut, würde hier eher einen ausrangierten Herrschaftssitz als den höchst sensiblen Zweckbau eines Wasserwerks vermuten. Doch der besondere Geist der kritischen Infrastruktur wird schnell deutlich, als eine Delegation der SPD Osthofen, bestehend aus Mitgliedern der Stadtratsfraktion und Vorständen des Ortsvereins, begleitet von dem neuen Landtagsabgeordneten Joshua Schmitt, zum Betriebsbesuch im Wasserwerk Osthofen antritt.

Über eine Schleuse wird Eintritt gewährt, ehe sich die Besucher per Unterschrift in eine Liste eintragen müssen. „Wenn morgen eine Katastrophe geschieht, muss ich nachweisen, wer sich wann und wie lange hier aufgehalten hat“, erklärt Werksleiter Christian Gukenbiehl die neuen Sicherheitsmaßnahmen. „Sowas hat es früher nicht gegeben“, bedauert er die Entwicklung, die sich aus einer angespannten Weltlage ergibt und inzwischen auch in Osthofen Einzug hält. Immerhin versorgt das Osthofener Wasserwerk mittlerweile 60 000 Einwohner der Region mit dem Lebensmittel Nummer eins: Trinkwasser. Dabei erstreckt sich das Leitungsnetz über 500 Kilometer und schließt Teile der Stadt Worms sowie die Verbandsgemeinden Wonnegau, Eich, Monsheim und Alzey-Land ein. Als das Gebäude im Jahr 1906 errichtet wurde, waren 15 umliegende Gemeinden angeschlossen, in denen gut 17 000 Einwohner lebten. Damals genügte das Klinkersteingebäude noch als Maschinenhalle, bis Erweiterungen des Versorgungsgebiets und rasches Bevölkerungswachstum den Neubau der nebenstehenden Industriehallen notwendig machten. 

Im Jugendstilbau habe man daher eine Zwischendecke eingezogen und das Verwaltungspersonal untergebracht, das etwa die Hälfte seiner 32 Angestellten ausmache, wie Gukenbiehl erklärt. Die übrige Belegschaft widmet sich technischen Aufgaben, darunter sein Abteilungsleiter Swen Wagner, der für das Rohrleitungsnetz verantwortlich ist und die neuesten technologischen Entwicklungen berichtet, etwa von der zentralen Enthärtungsanlage, die seit 2025 in Betrieb ist: „Mit der Enthärtungsanlage konnten wir den Härtegrad des Wassers von Kategorie hart in mittel verschieben“. Das sorgt für weniger Kalkschleier auf Oberflächen und Armaturen beim Kunden und schafft Sparpotenzial, weil hauseigene Enthärtungsanlagen nun überflüssig geworden sind. Zwar sinke mit dem Härtegrad auch der Energieverbrauch wasserwärmender Geräte und es werde weniger Waschmittel gebraucht, hinsichtlich der Trinkwasserqualität sei die zentrale Enthärtungsanlage allerdings nicht notwendig gewesen, merkt Wagner an. „Reiner Luxus! Aber der Kunde will Luxus und den bekommt er von uns auch“, wirft sein Vorgesetzter Gukenbiehl ein. 

Auch vor Inbetriebnahme der Anlage sei das Trinkwasser bereits von bester Qualität gewesen. „Unser Wasser kommt vom Donnersberg“, setzt er an und erläutert, wie es von dort aus etwa 80 Jahre lang unterwegs ist und durch verschiedene Gesteinsschichten gefiltert wird, ehe es in Osthofen angelangt. Durch hohe Tonanteile dichte Erde oberhalb des Wasservorkommens schützt das Rohwasser vor Einflüssen der Landwirtschaft. Unter Osthofen angekommen wird das Wasser aus circa 150 Metern Tiefe von sechs Brunnen nach oben gepumpt und durchläuft zunächst die Enthärtungsanlage. Dort wird Natronlauge zugesetzt, um den PH-Wert zu erhöhen. „Ist der PH-Wert niedrig, nimmt das Wasser Kalk auf – ist der PH-Wert hoch, wird es kalkabscheidend“, erklärt Wagner den Vorgang. Im nächsten Schritt werden kleine Kügelchen aus Kalk beigemischt, an denen aus dem Wasser gelöster Kalk andocken kann. Nachher werden die angewachsenen Kügelchen wieder entfernt, wobei ein besonderes Merkmal unseres Wassers sichtbar wird: Aufgrund des hohen Eisen- und Mangangehalts verfärbt sich das Material rostrot. Erst in den zwölf nachgelagerten Filteranlagen werden Eisen und Mangan ausgesiebt und feinste Trinkwasserqualität hergestellt - zu einem guten Preis wohlgemerkt: „1,85€ für den Kubikmeter liegt im unteren Preissegment“, verkündet Gukenbiehl stolz, der im Selbstverständnis als kommunaler Einrichtung stets von „unser Wasser“ und „euer Wasserwerk“ spricht und sich wünscht, dass dieser Status erhalten bleibt. „Dafür werden wir sorgen!“, versichert ihm SPD-Stadtrat Ronald Schmitt.

In naher Zukunft sei noch keine Versorgungslücke oder Preissteigerung zu befürchten, beruhigt Gukenbiehl. Dazu soll auch eine Photovoltaikanlage beitragen, die auf dem Gelände entstehen und etwa 50 Prozent des Energiebedarfs decken wird. Vollends Entwarnung geben kann er jedoch nicht. Zwar sei der tägliche Wasserverbrauch in den letzten Jahrzehnten auf 120 Liter pro Kopf gesunken, was auf Optimierungen der Haushaltsgeräte und sanitärer Anlagen zurückzuführen sei, demgegenüber stünden jedoch das Bevölkerungswachstum und klimatische Veränderungen wie die zuletzt andauernde Hitzewelle. Er moniert insbesondere die vielen heimischen Schwimmbecken, über die viel Wasser verloren ginge. „Wasser, das verdunstet, verschwindet aus unserer Region!“, mahnt der Werksleiter und empfiehlt, stattdessen öffentliche Schwimmbäder zu besuchen. Auch eine Anpassung der Gießzeiten früh morgens oder spät abends, statt in der Mittagshitze, kann dazu beitragen, Verdunstung zu reduzieren. „Wir versorgen euch mit Wasser, solange welches da ist. Wenn aber keines mehr da ist, können wir auch nichts mehr machen“, nimmt er die Bevölkerung in die Verantwortung. 

Um Ereignissen wie der jüngsten Hitzeperiode oder vermehrt auftretenden Starkregenereignissen städtebaulich entgegenzuwirken, legt Gukenbiehl das Prinzip der Schwammstadt nahe. Das Konzept sieht unter anderem vor, Versiegelung aufzubrechen, Rückhalteflächen zu schaffen, sowie Dach- und Bodenflächen zu begrünen. Ziel dabei ist, die Stadt so zu gestalten, dass sie Grundwasserneubildung erlaubt und insgesamt mehr Wasser aufnehmen und speichern kann, um es in Hitzewellen wieder abzugeben und auf diese Weise Boden und Luft abzukühlen. Nebenbei wird verhindert, dass allzu viel Regenwasser ungenutzt in die Kanalisation abfließt, bis diese schlimmstenfalls überläuft und Straßen überschwemmt werden. Diesen Rat möchten die Anwesenden bei künftigen Städtebaumaßnahmen berücksichtigen. Schon jetzt plant die SPD Osthofen Anpassungen an klimatische Veränderungen. Wie Stadtrat Ronald Schmitt erklärt, wird zur Linderung während kommender Hitzewellen am neu geschaffenen Albert-Fischer-Platz in Kürze ein Trinkwasserbrunnen entstehen. Im Rahmen weiterer Renaturierungsmaßnahmen der Seebach in Osthofen-Mühlheim sollen auch zusätzliche Pufferflächen entstehen, die vor Hochwasser infolge von Starkregen schützen.

Text: Dennis Maus

Wir wollen die Zukunft gestalten. Mit dir. Komme in unser Team.